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YAM - Structural Paintings

von Yvonne P. Doderer

YAM untersucht die Relation zwischen Linie, Fläche und Farbe auf Leinwand. Dabei entstehen schwerelose architektonische Entwürfe, Baupläne für Linien und Farben, die wie Grund oder Aufrisse wirken. YAM bedient sich bei der Konstruktion ihrer Bauten und Leiterplatten einer Kunst des Aufbauens und Zerstörens, der Dialektik. Farbige Linien überschneiden, ergänzen, halten sich, heben sich auf. Wo stabile Konfigurationen möglich erscheinen, bringt YAM disparate Elemente ins Spiel, welche die Balance stören und angreifen.
Im Gegenzug verbinden divergierende Elemente frei schwebende Massen oder lineare, gitterartige Strukturen miteinander und verankern sie vorläufig im Raum. Subjektive Linienführung macht die Bildelemente angreifbar, die Linie bietet keinen Halt sondern ist Bewegung. Gesättigte Farbflächen bilden die Ausnahme, meist sind sie pastellartig aufgehellt und verstärken so den zerbrechlichen Charakter der Bilder. Die Bauten selbst sind fragwürdig. Sie sind geprägt durch widerstreitende Tendenzen, die einen Kampf zwischen Stabilität und Destabilisierung abbilden. Die Willkürlichkeit in der Linienführung und Konstruktion scheint eingebettet in vorgeschriebene, feste Strukturen, die jenseits der Gesetze von Anziehung und Abstoßung existieren. Es geht um die Bildung und Verteilung von Massen, und um Energien und deren Austausch:
Welches Gewicht haben Linie und Farbe, welche Masse haben Fläche und Leerheit?
Die Linien und Flächen sind nicht kristallin sondern organisch. Dadurch werden sie zu unverwechselbaren Individuen. Kein Code kommt ihnen bei, sie sind durch Maßangaben nicht adäquat darstellbar, nur durch sich selbst. YAM gelingt ein gleiches Gewicht zwischen Summe und Teilchen. Die Farben, Flächen und Linien brauchen einander in der Komposition, aber gleichzeitig bewahren sie ihre Souveränität. YAM macht den dynamischen Prozess des wechselseitigen Auswiegens sichtbar, dessen Bestimmung aber nicht das Gleichgewicht ist, sondern die Auflösung. Der Grund und das Zentrum der gelegten Figuren ist die Leerheit. Durch Überschneidungen und Berührungen werden verschiedene Ebenen sichtbar.
Die erste Ebene wird von Flächen bestimmt, leeren Flächen, die von einer Linie umschlossen sind. Die zweite Ebene ist die der Linien. Sie sind in sich leer, wie die Flächen, die sie umreißen, sie enthalten nur ihren jeweiligen Farbton. Die verschiedenen Formen von Leerheit geben sich gegenseitig Halt. Leerheit ist Form, Form ist Leerheit.
Daraus ergibt sich auf einer dritten Ebene eine fluktuierende Innen-Außen-Konstellation. Innen hält Außen, Außen hält Innen, durchdringen sich, werden austauschbar, müssen ständig neu definiert werden. Alle Ebenen stehen im Austausch zueinander. Welcher Art sind die Informationen, die zwischen den komplementären, widerstreitenden Elementen fließen? Sie teilen einander ihr Dasein mit und ihr Sosein. Sie sind keine Träger für Informationen, sondern die Information selbst und bilden so kaleidoskopartige, vorläufige Strukturen. Sie kommen aus einer wortlosen, ätherischen Leere und fügen sich in ein momenthaftes, selbstreferentielles System mit der Neigung zur Wiederauflösung. Man meint, die Gebilde seien nur auf den Grund aufgelegt, notdürftig fixiert und könnten durch einen bloßen Windhauch verweht werden. Das macht die Bilder zu fragilen Gebilden.



YAM - Structural Paintings

YAM investigates the relationship between line, field and colour on canvas. In this process, she develops weightless architectural sketches, construction plans for lines and colours which look like foundations or elevations. For the creation of her constructions and circuit boards, YAM uses an art of constructing and destroying - of dialectics. Coloured lines intersect, complement, hold one another, cancel each other out. Where solid configurations seem possible, YAM introduces incompatible elements which disturb and weaken the balance. As a countermove, divergent elements link together levitating masses or linear grid structures and anchor them temporarily in space. A subjective flow of the lines makes the picture elements vulnerable, the line affords no hold - it is motion. Fully coloured-in fields are an exception - most are brightened up by mere hints of pastel-coloured hues, which increases the fragile character of the paintings. The constructions themselves are questionable. They are characterized by conflicting tendencies, a rivalry between stability and destabilization. The arbitrariness of the flow of the lines and the construction appears embedded in stipulated, fixed structures which exist beyond the principles of attraction and repulsion. It is all about the formation and distribution of masses, and energies and their exchange:

What weight have line and colour, what mass have field and emptiness? The lines and fields are not crystalline but organic. Due to this, they become unmistakable individuals. No code is able to cope with them, no standard represents them adequately - instead, they stand for themselves. YAM succeeds in creating an equilibrium between sum and parts. The colours, fields and lines need each other in composition but, at the same time, they remain independent. YAM makes visible the dynamic process of balancing-out which does not aim at a balance but at dissolution. The base and the centre of the laid-out figures is emptiness. Intersections and contacts reveal different levels. The first level is defined by fields, empty fields, which are surrounded by lines. The second level is that of lines. They are empty shapes, just like the fields they outline. They only consist of the hue they are given. The different forms of emptiness support each other. Emptiness is form, form is emptiness. As a result, a third level of a fluctuating inside-outside-constellation is created. The inside supports the outside, the outside supports the inside, they permeate each other, become interchangeable, have to be constantly redefined. All levels are in exchange with each other. Of what kind is the information that flows between the complementary yet conflicting elements? They tell each other about their 'being-there' and their 'being-so'. They are not information carriers but the actual information, and therefore create temporary, kaleidoscopic structures. They come from a wordless, ethereal emptiness and create a momentary self-referential system with an inclination to re-dissolution. The formations appear to be merely floating on the ground, scantily fixed, as if they could be blown over by a mere breath of wind. This turns the paintings into fragile entities.

Translated from the German by Susanne Switala