english version below

Rosa. Rosé. Oder Pink. Oder.

von Tjoss May

"Weiß nicht", sagt sie und wirft einen skeptischen Blick in den Spiegel.
Rosa. Rosé. Oder Pink. Oder.
Meine Antwort ist klar. Ich weiß es auch nicht. Teils aus Unentschlossenheit heraus. Teils, weil ich zu lange unterwegs war. Mit einer Schwimmweste und einer Augenklappe, was an sich schon nicht so gut zusammenpasste.
Das Problem war: Die Schwimmweste, mit der ich mich über Wasser zu halten versuchte, sie war rosa. Und rosé winkte die Idee zu mir herunter, dass man sich das Leben auch unnötig schwer machen kann. Ich ging also doch an Bord des doppelstöckigen Dampfers, neben dem ich jahrelang her geschwommen war. Legte mich erschöpft in einen Liegestuhl und betrachtete die Mitreisenden, wie sie am Pool ihre Cocktails schlürften. Oder sich die Sonnenhüte tiefer ins Gesicht zogen. Bis einer der Reisenden vor mir in den Swimmingpool sprang und ertrank. Pink war seine Badehose. Und so war der Anfang vom Übel und sein abruptes Ende zugleich. Die Einsicht, dass ein Leben von sich aus kein Gewicht hat.

"Aber (das sagte eine Reisende zu mir, als wir uns über mehrere Liegestühle hinweg über die Bewegung des Erdballs und den Prozessen darin, als wir uns also über "das Leben" unterhielten) es gibt doch auch Abende, da gehst du ins Bett, zum Bersten voll mit Wut oder einem anderen starken Gefühl. Und am nächsten Tag kannst du gut gelaunt aufstehen, auf die Waage steigen und feststellen, dass du drei Gramm leichter geworden bist."
"Ja, das stimmt.", gab ich zu. "Aber hat der Zorn deshalb ein Gewicht von drei Gramm? Heißt es, dass die Wut einen einfach so über Nacht verlassen kann?"

Die Frage an den Spiegel und den Farben darin ist also eine Frage nach den Gewichtsverhältnissen. Nach Schwerkraft und Identität. Nach Vergangenheit, die so oder so ähnlich stattgefunden hat. In einer Welt, die sich so oder so ähnlich gedreht hat. Im Ausschnitt einer speziellen Wahrnehmung. Obwohl man schon lange weiß, dass man Licht nicht einfangen und ihm seinen Raum nehmen kann. Nicht ohne ihm dabei auch den Anfang zu nehmen.
Aber Geschichten interessieren sich nur selten für den Anfang. Denn im Gegensatz zu den möglichen Ausgängen sind die möglichen Anfänge nie verkehrt.

Der Anfang also passierte auf dem Boot. Und der Ausgang (jetzt) findet hier statt. Der Ausgang ist:
Wir stehen in einem Drogeriemarkt, und sie will von mir wissen, welchen Lippenstift sie sich kaufen soll. Also rosa. Rosé. Oder Pink. Oder.
"Pink sieht am besten aus", sage ich. Was vielleicht sogar stimmt.

Rosa. Rosé. Oder Pink. Oder.
Später dann, in der Schule (das habe ich niemandem erzählt. Denn so etwas erzähle ich nicht. Also früher). Da haben wir gelernt, dass Rosa ein "sekundäres Geschlechtsmerkmal" sei. So wie Haarspangen und Blockflöten. So wie Genitalien, die man sich schließlich auch nicht aussuchen kann. Deshalb erschien es ganz natürlich, dass, je älter wir wurden, desto weniger Rosa in unseren Kleidern war.
Nur eine aus meiner Klasse, Tina, sie trug noch in der elften Klasse rosa Sweatshirts. Und sie hatte blond gefärbte Haare, und ja, sie hatte auch eine Dauerwelle und ein weißes Auto mit einem rosaroten Panter darauf. Trotzdem war sie die erste aus meiner Klasse, die über Bord ging.

Rosa. Rosé. Oder Pink. Oder.
"Ist schon ziemlich pink, oder?"
"Ja", sage ich, "das stimmt. Aber es sieht nicht schlecht aus."
Ihr steht das wirklich. Ja. Wirklich. Irgendwie.
"Das besondere an diesem Lippenstift", erklärt sie mir, "ist, dass noch ein zweiter dazugehört Mit dem einen trägt man die Farbe auf. Und der andere bringt das Ganze dann zum Glänzen. So."
Wir probieren noch ein paar andere Farben aus.
Rosa. Rosé. Oder Pink. Also.
Es gibt Leute.
Die behaupten, dass Sprache wie ein schlecht beladenes Schiff sei, das auf eine Seite hin kippt. Dass man die Sprache erst einmal komplett vergessen und neu erfinden müsste, um etwas jenseits der Normen zu sagen.
Ich habe mich also gefragt:
Welches Geschlecht wir haben, wenn wir nicht sprechen?
Und wie wir vergessen können, ohne das nötige Vokabular dazu zu besitzen?

Wenn ich sie besser kennen würde und das hier nicht alles so schrecklich intim wäre, dann würde ich ihr von meiner Entdeckung erzählen, die ich in einer Kabine auf dem Schiff gemacht habe. Meine Mitreisende. Also jene, mit der ich mich über "das Leben" unterhalten hatte. Sie hatte keinen Mund. Nicht einmal ein Loch. Zwei Augen, eine Nase. Das war alles.
Die Entdeckung, die ich also machte, war, dass man sich einen Mund ins Gesicht malen kann. Einen, der weder Schallraum, noch Muskeln braucht, um Worte zu formen. Worte, die nicht immer so verstanden werden, wie sie gemeint sind. Die sich oft selber fragen, was sie eigentlich ausdrücken wollten. Die sich immer wieder umdrehen und Stirn runzelnd in die Zukunft schauen.
Ja. Worte eben.

Ihr Mund und ihr Handrücken sind zwischenzeitlich ziemlich verschmiert. Trotzdem greift sie erneut in das Regal, zieht einen Stift heraus und hängt sich abermals in den Spiegel.
Und plötzlich wird mir das alles sehr wichtig. Obwohl ich hier her kam. Eigentlich nur, um einen Deostift und eine neue Zahnbürste zu kaufen. Wird er mir wichtig. Der Ausgang ihrer Entscheidung.

Eines der Probleme ist auf jeden Fall:
die Sprache der Zukunft.
Wie erklärt man einem Menschen, der, sagen wir, in drei Millionen Jahren auf dieser Erde sein wird, dass sich hier, in einem Behälter unter der Erde, radioaktive Substanzen befinden, die er besser nicht ausbuddeln soll?
Was werden die Zeichen sein, mit denen man sich in drei Millionen Jahren verständigen wird?

"Sie sind sehr nett. Vielen Dank", sagt sie. Den Lippenstift will sie sich dann schließlich doch woanders kaufen. Im Kaufhof nämlich, weil sie dafür Rabattmarken hat.
"Klar", sage ich und grinse dabei ein bisschen blöd.
"Ihr Lippenstift ist aber auch ganz schön", bemerkt sie noch, da habe ich mich schon zum Gehen gewandt. Und vielleicht weil ich so enttäuscht bin, sage ich ihr die Wahrheit. Ich habe heute keinen Lippenstift benutzt. So sieht er eben aus. Mein Mund.
So sind sie. Seine Farben.



Rose Colour. Pale Pink. Or Pink. Or.

By Tjoss May

"I dunno," she says, and casts a sceptical glance at the mirror.
Rose colour. Pale pink. Or pink. Or.
My answer is clear. I don't know either. Partly out of indecision. Partly because I stayed out too long. With a life vest and an eye patch that didn't go so well together anyway.
The problem was: The life vest with which I tried to keep my head above water, it was rose-coloured. And the pale pink idea that one can needlessly complicate one's life was waving down to me. I relented and boarded the two-story steamer next to which I had swum for years and years. Exhausted, I laid down on a deck chair and watched my fellow passengers sipping their cocktails by the pool. Or pulling their sunhats down lower over their faces. Until, before my eyes, one of the passengers jumped into the swimming pool and drowned. His bathing trunks were rose-coloured. And so was the beginning of the trouble as well as its sudden ending. The insight that a life has no weight by itself.

"But (a female passenger said to me, as we were conversing across a number of deck chairs about the Earth's movement and the processes in it; that is, as we were talking about 'life') there are also evenings where you go to bed, ready to burst with rage or another strong feeling. And the next day, you can get up in a good mood, step on the scales and discover that you are three grams lighter."
"Yes, that's true," I admitted. "But does the rage therefore have a weight of three grams? Does that mean that the rage can drain from one over night, just like that?"

The question addressed to the mirror and to the colours in it is therefore a question of relative weights. Of gravity and identity. Of the past, which took place more or less like this. In a world that has rotated more or less like this. From the angle of a particular perception. Although one knows for a long time already that one cannot catch light and deprive it of its space. Not without depriving it of its beginning, too. But stories only rarely take an interest in the beginning. For, in contrast to the potential endings, the potential beginnings are never wrong.

Thus, the beginning happened on the boat. And the end (now) takes place here.
The end is:
We are standing in a drugstore, and she wants to know from me which lipstick she should buy for herself. That is, rose colour, pale pink. Or pink. Or.
"Pink looks best," I say. Which may even be true.

Rose colour. Pale pink. Or pink. Or.
Then, later, at school (I never told anyone about it. Because I never tell such a thing. So anyway, back then). There we learnt that rose colour is a "secondary sexual characteristic". Such as hair clips and recorders. Such as genitals, which, after all, cannot be chosen either. Therefore, it seemed entirely natural that the older we got, the less rose colour we had on our clothing.
Except for one girl in my class, Tina, she still wore rose-coloured sweatshirts in eleventh grade. And she had dyed blond hair, and yes, she also had a perm and a white car with a pink panther on it. Nevertheless, she was the first one in my class who fell overboard.

Rose colour. Pale pink. Or pink. Or.
"It really is rather pink, isn't it?"
"Yes," I say, "it is. But it doesn't look bad."
It really suits her. It does. Really. Somehow.
"The special thing about this lipstick," she explains to me, "is that there is a second one belonging to it. The first serves to apply the colour. And the second makes it all shine. Like this."
We try out a few other colours.
Rose colour. Pale pink. Or pink. So anyway.
There are people.
Who claim that language is a poorly laden ship that tips over to one side. Who claim that one has to forget the language completely and invent it anew in order to say something outside of the norms.
So I asked myself:
which gender we have when we don't speak?
And how we can forget, without having the necessary vocabulary to do so?

If I knew her better, and if this here weren't all so terribly intimate, then I would tell her about my discovery, which I made in a cabin on the ship. My fellow passenger. That is, the one with whom I talked about "life". She didn't have a mouth. Not even a hole. Two eyes, a nose. That was all.
Thus, the discovery I made was that one can draw a mouth into one's face. A mouth that needs neither acoustic space nor muscles to form words. Words that aren't always understood the way they are meant. Words that often ask themselves what they actually want to express. Words that revolve again and again and look frowningly into the future.
Yes. Words, simply.

In the meantime, her mouth and the back of her hand are quite smeared. Nevertheless, she reaches into the shelf again, pulls out a stick, and communes with the mirror once again.
And suddenly, this all becomes very important to me. Although I came here. Actually, just to buy a stick of deodorant and a new toothbrush. It becomes important to me. The outcome of her decision.

One of the problems is definitely:
the language of the future.
How can one explain to a person who, let's say, will be on the Earth in three million years, that here, in a container underground, there are radioactive substances that had better not be dug up?
What will be the signs with which people will communicate in three million years?

"You are very kind. Thank you." she says. Ultimately, she wants to buy the lipstick somewhere else. Namely at Kaufhof, because she has coupons good there. "Sure," I say, and grin a little stupidly. "But your lipstick is also very nice," she adds, but I have already turned to leave. And possibly because I am so disappointed, I tell her the truth. I didn't use lipstick today. That's just the way it looks. My mouth. That's the way they are. Its colours.

Translated from the German by Susanne Switala