Lipstick Paintings by YAM

von Claude Flachsbarth

Die Frau am Telefon ist gelangweilt - beginnt mit dem Lippenstift kryptisch herumzukritzeln und schließlich ist der Platz, sind Papier und Tisch nicht mehr genug. Sie hört nicht mehr auf und so wird ihr Wohnzimmer zur Leinwand.

Nicht zuletzt diese Vorstellung inspirierte die Künstlerin YAM zu ihren Lipstick Paintings.

Der Lippenstift. Frauen kaufen damit kein simples Schminkutensil, sondern Anziehungskraft, Schönheit und Weiblichkeit. Laszives, offensives Rot, lebens bejahendes Pink oder unschuldiges Rosé - die Farbpaletten sind unerschöpflich und gerade in Krisenzeiten gefragt.
Bereits in den Zwanzigern trotzten die Frauen mit roten Lippen der Rezession. Steigende Verkaufszahlen bei Lippenstiften verzeichneten auch die USA im vergangenen Jahr, als sich die Wirtschaft in der Krise befand. "Wenn Frauen sich keine neuen Kleider leisten können, greifen sie zum Lippenstift", erklärte Leonard Lauder vom Kosmetikkonzern Estée Lauder.

Weshalb also Lippenstift? Ein Statement zur aktuellen Finanzlage unseres Landes? Vielleicht, aber weitaus wichtiger ist für YAM der Lippenstift als Träger von Weiblichkeit.

Der Lippenstift also die vielleicht letzte wirklich weibliche Bastion, eine der symbolträchtigsten ganz sicher. "Es setzen sich nun einmal mehr Frauen, egal welchen Geschlechts über Generationen hinweg mit dem Lippenrot auseinander und probieren Lippenstifte am eigenen Körper aus" meint YAM. "Dieses Ausprobieren eines Lippenstifts auf der Handoberfläche, auf den Lippen, wollte ich in meiner Malerei umsetzen."

Die Aktion, Pinsel und Ölfarbe wie Lippenstifte zu benutzen, sieht YAM als ihren Beitrag, Weiblichkeit neu auszuloten und diese in die Malerei miteinzubringen.

Matt, wie abgepudert soll das Lippenrot wirken. Die Leinwand als Gesicht.

Begonnen hat alles im Mai 2002. Alles - das beinhaltet den Prozess der Entstehung, der schließlich 74teiligen Lipstick- Serie. Der imaginären telefonierenden Frau mit dem Lippenstift wurden schnell enge Freundinnen zur Seite gestellt. Sie waren an der Auswahl der Motive beteiligt, die 12 Monate später gemalt wurden.
Dabei wurden zunächst von der Originalvorlage, einer 30x30cm großen Ölkreidezeichnung, mittels Fotokamera Ausschnitte erstellt und großflächig auf die Leinwand gebracht.

Ein gemeinsames Projekt sei es von Beginn an gewesen. Diese Aussage ist ihr wichtig. Genauso wie die Sichtbarmachung des Prozesses, die Entscheidung, die Arbeitsweise auszudehnen und offen zulegen.

Die für die Farbauswahl notwendigen Arbeitsproben auf Leinwand warf die Künstlerin nicht weg, sie sind Bestandteil der Serie. Genau wie die Käufer zum Auflösungsprozesses der Lipstick Serie gehören. Ihr Name, Kaufdatum und Motivauswahl werden aufgenommen und später auf einer Postkarte (Teil 73) vervielfältigt. Jeder wird so eingebunden in die Serie. Den letzten Teil bilden acht Interviews. Die Künstlerin stellt sich den Fragen und Statements zu ihren Bildern und zum Thema Lippenstift.

Auf die Frage, was außer Farbe und Inspiration noch in ihren Lipstick Paintings enthalten ist, antwortet sie: "Musik". Genau gesagt ein einziges Stück. "Suffersoup" ein Song des Duos Panam-a zudem sie Linie für Linie auf die Leinwand brachte. Komponiert von Fender Schrade, gesungen von Viola Götz, deren Stimme ein wenig wie "Rouge Noir" von Chanel klingt, könnten Lippenstifte singen ...