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"Conceptual Painting" -
Malerei als Instrument zur Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen


von Yvonne P. Doderer

Im Zentrum der Arbeiten von YAM steht die Untersuchung von Wahrnehmungsprozessen. Ausgebildet und tätig als Photographin, benutzt sie das Medium Malerei, um Sinnesprozesse und damit einhergehende Bewusstseinstätigkeit an sich selbst wie an den BetrachterInnen ihrer Produkte - Acryl auf Leinwand - zu erforschen und wachzurufen. Dabei geht es ihr darum, einen Kontakt zwischen den Objekten der Wahrnehmung - den 'bespielten' Leinwänden -, den beteiligten Sinnen und den Vorgängen im Bewusstein des/der BetrachterIn dieser Sinnesobjekte herzustellen. Um diesen Kontakt in Gang zu setzen, bedient sich YAM unterschiedlicher Vorgehensweisen und Gestaltungstechniken. Die Wahl und der Einsatz dieser spezifischen Produktionstechniken zielen darauf ab, die Beteiligung des 'subjektiven Faktors' beim bildnerischen Herstellungsprozess möglichst zu minimieren. Die vermeintliche kreative und künstlerische Freiheit wird auf eine Konfrontation zwischen Figur und Schrift (wie in den schwarz-weiß gehaltenen "Textarbeiten"), auf die Frage der Gewichtung von Farbflächen auf 'leerer' Leinwand (wie in den "Erscheinungen") oder auf eine Übertragung bereits vorhandener Motive und Details buddhistischer Thangkas, wie es in den "Karmapa Bildern" der Fall ist, reduziert. Die von YAM empfundene Freiheit in ihrer Produktionsweise besteht in der Wahl der Leinwandformate und in dem von ihr als kreativ erlebten Akt des Baus der Rahmen, auf die sie die Leinwände aufzieht.
Alle weiteren Schritte beruhen auf kühler Berechnung, die sich im offenen Raum der weißen Leinwände und hinter leuchtenden Farben verbirgt. Neben Pinsel und Stift, sind Lineale und Taschenrechner, Laptop und Maus sowie Photoapparat die grundlegenden Arbeitsutensilien, die hierbei eingesetzt werden.

Die "Textarbeiten" basieren auf den von YAM skizzierten Figuren und ihren Notizen von Aussagen und Sätzen des tibetisch-buddhistischen Lehrers Jigmela Rinpoche. Diese kleinformatigen Entwürfe werden, sowohl in Bezug auf ihre Schriftgröße wie ihre Linienstärke, mit dem Taschenrechner hochgerechnet und auf die Leinwand ohne Vorzeichnung übertragen. Um die Einfachheit der Widersprüchlichkeit zwischen Inhalt und Ausdruck von Figur und Schrift zu verstärken, werden diese mit schwarzer Farbe auf weißen Grund gesetzt. Die Figuren selbst bleiben auf Linien beschränkt, um sie ihres möglichen Volumens zu entheben und sie so gleichsam schweben zu lassen. Gelegentliche Schreibfehler, die absichtliche Wahl eines scheinbar persönlichen Schriftzuges und Durchstreichungen einzelner Worte sorgen für die für eine Bewusstwerdung des Wahrnehmungsprozesses notwendigen Irritationen und Stolpersteine bei der Betrachtung. Gedankliche Assoziationsketten werden freigelegt, an Wiedererkennungswerte appelliert und gleichzeitig verinnerlichte Konzepte durch die Wechselwirkung zwischen dargestellten Gegenständen, wie zum Beispiel einem Einkaufswagen, und verschrifteter Sprache - "this is very important" - durchkreuzt.

Die innere Aufregung, die mit den "Textarbeiten" noch erzeugt wird, erfährt bei der Betrachtung der "Erscheinungen" durch den Einsatz von Farbe und figürlichem Volumen sowie der offen gehaltenen Frage nach ihrer jeweiligen Gewichtung, eine Beruhigung. Nicht mehr die gedankliche, sondern die rein gefühlsmäßige Ebene wird hier bei dem/der BetrachterIn angefragt. Figürliche und thematische Motive, wie zum Beispiel Tauben, werden der 'Natur' entnommen. Farbe und Figur sind hier auf der offenen Fläche der Leinwand eingefroren, bewegte Handlungen zum Stillstand gekommen, Zeit spielt keine Rolle mehr. Der Produktionsprozess, der diesen Untersuchungen zugrundeliegt, beruht nun nicht mehr auf Entwürfen mit Stift und Papier, sondern diese werden unmittelbar mit der Maus im Computer generiert. Auch die Farbwahl beschränkt sich bei allen Arbeiten auf die im benutzten Programm vorgegebenen Farbpalette von 28 Farben, die zur Auswahl stehen und die sich durch den Papierausdruck nochmals verändern. Dieser Ausdruck wird wiederum mit Hilfe von Dreisatzrechnungen hochgerechnet und auf die Leinwand mit den sehr schnell trocknenden Acrylfarben ohne weitere Korrekturen direkt übertragen.

Lagen den "Textarbeiten" und den "Erscheinungen" noch eigene Entwürfe zugrunde, verzichtet YAM in ihren "Karmapa Bildern" - bis auf die Wahl des Bildausschnitts der jeweiligen Thangkas - gänzlich auf eigene Vorgaben. Thangkas sind nach genauen, jahrhundertealten ikonometrischen und ikonographischen Festlegungen gemalte Rollbilder, die, umrandet von feinen und mehrfarbigen Brokatstoffen, unterschiedliche Buddhaspekte darstellen. Sie dienen als Meditationsobjekte, weshalb sie auch im Tibetischen mit dem Ausdruck 'mthong grol' - Befreiung durch Sehen - bezeichnet werden.
Mit einem Makroobjektiv photographiert YAM Detailausschnitte aus den, mit floralen Motiven gestalteten und scheinbar nebensächlichen Stoffumrandungen der Thangkas. Motive und Farben werden so exakt wie möglich übernommen. Sie erfahren durch die computerbasierte Überarbeitung eine Modifikation, indem die Photographie erst im Computer mit der Maus nach'gemalt', dadurch entstehende 'Fehler' beibehalten und dann, nach derselben Methode wie bei den "Erscheinungen", auf die Leinwand aufgetragen werden. Die Motive sind an- oder abgeschnitten, weshalb sie keine Richtung oder Orientierung vorgeben und in den Raum weitergedacht werden können.
Die großformatigen Leinwandflächen sind jedoch nicht vollständig ausgefüllt. Vielmehr bleibt ein umlaufender und schmaler, weißer Rand stehen, der an die Tatsache erinnern will, dass es sich auch bei diesen farbintensiven Wahrnehmungsobjekten lediglich um auf eine gespannte Leinwand aufgetragene Pigmente handelt. Mit diesem Verweis schließt sich ein erster Zyklus an Forschungsreisen in die Welt der Malerei und damit in Bewusstseinszustände, die durch ein sinnlich-visuelles Erleben und - im Gegenzug - durch bewusstes Wahrnehmen mittels des Sehens, entstehen können.

Dieser Text basiert auf einem Gespräch mit YAM, das am 1. März 2002 in Stuttgart geführt wurde.



Conceptual Painting
Painting as an Instrument for Investigating the Processes of Perception

by Yvonne P. Doderer

The central theme of YAM's works is the investigation of the processes of our perception. Trained and employed as a photographer, she uses the medium of painting to evoke and observe in herself as well as in the viewers of her products - acrylics on canvas - sensory processes and the role played by the consciousness, by establishing contact between the objects perceived - the painted canvases - , the senses involved and the processes going on in the consciousness of the viewer. To set this contact in motion, YAM uses various procedures and techniques. The selection and use of these specific techniques aim at reducing to a minimum the involvement of the subjective factor in the process of painting. Supposed creative and artistic freedom is reduced to a confrontation between figure and script (as in the black-and-white "Text Pieces"), to the question of weighting of areas of colour on a blank canvas (as in the "Manifestations"), or to the transfer of pre-existing motifs and details from Buddhist Thangkas, as in the Karmapa pictures. The freedom YAM experiences in her production method is in the choice of canvas sizes and in the - for her - creative act of making the frames on which she stretches the canvases. Everything else is cool calculation, concealed in the open space of white canvases and behind brilliant colours. Besides brush and pencil, YAM's basic tools include ruler and pocket calculator, laptop and mouse, and her camera.

The Text Pieces are based on figures sketched by YAM and on her notes of statements and phrases of the Tibetan-Buddhist teacher Jigmela Rinpoche. These small sketches are enlarged using the pocket calculator, keeping the proportions both of script size and thickness of line, and transferred on to the canvas without preliminary drawing. To reinforce the simplicity of the contradiction between content and expression of figure and script, these are placed in black paint on a white foundation. The figures themselves are restricted to lines, to relieve them of any possible volume, so, as it were, allowing them to float in space. Occasional spelling mistakes, the deliberate choice of apparently personal handwriting and the crossing out of certain words are irritations, stumbling blocks for the viewer, but necessary if we are to become aware of our process of perception. Chains of associations are released, our recall and recognition facilities are addressed, and, at the same time, internalised concepts are crossed through by the interaction between the objects depicted, such as a shopping trolley, and what is written - "this is very important".

The inner agitation produced by the Text Pieces is calmed by contemplation of the Manifestations, by means of the use of colour and figurative volume and the unanswered question of their respective weighting. The viewer is invited no longer to engage the level of thought but that of the emotions. Figurative and thematic motifs, such as doves, are taken from nature. Colour and figure are here frozen on the open space of the canvas, motion becomes stasis, time becomes irrelevant. The process of production for these investigations no longer uses pencil and paper sketches, but sketches directly generated with the mouse in the computer. The choice of colour in all works is restricted to the given 28 colours available in the program used, and these change again in the paper print-out. This print-out is in turn enlarged by rule of three calculations and transposed directly on to the canvas with very quick-drying acrylic paints without further correction.

While the Text Pieces and the Manifestations are based to a certain extent on YAM's own designs, she - except for the choice of detail from the thangkas - completely dispenses with her own designs in the Karmapa pictures. Thangkas are roll-pictures, painted according to precise, centuries-old iconometric and iconographic rules, which, edged with fine, multi-coloured brocade fabrics, represent various aspects of the Buddha. They are used as objects of meditation, for which reason they are also described in Tibetan with the expression ?x0152;mthong grol - liberation through seeing. Using a macrophoto-lens, YAM photographs details from the floral patterned and apparently inessential fabric edges of the thangkas. Motifs and colours are reproduced as faithfully as possible, undergoing modification then in the computer-based processing; the photograph is copied into the computer on the touch-pad, any mistakes which may occur are left uncorrected, and then, using the same method as for the Manifestations, transposed on to the canvas. The motifs are intersected or cut off, so that they provide no direction or orientation and can be extended by the mind into thesurrounding space. The large canvases are not, however, completely filled.

Instead, a narrow, white, surrounding edge is left, which is intended to remind us that even these intensively-coloured percetual objects are simply pigments on stretched canvas. This reminder completes an initial cycle of exploratory journeys into the world of painting and thus into states of consciousness which can come into being through sensual-visual experience and, vice versa, through conscious perception by means of seeing.

This text is based on a conversation with YAM which took place in Stuttgart on 1 March 2002.

Translated from the German by Catherine Hales